Weniger arbeiten - gut fürs Klima, gut für die Menschen?

Ergebnisse des Forschungsprojekts «Zeit als neuer Wohlstand» der Universität Bern


Von Stephanie Moser, Hugo Hanbury, Sebastian Neubert & Christoph Bader vom Zentrum für Entwicklung und Umwelt der Universität Bern


Eine Forschungsgruppe der Universität Bern ging der Frage nach, inwiefern die Reduktion unserer Erwerbsarbeitszeit dem Klima und unserem Wohlbefinden zu Gute kommen könnte. Aufgrund ihrer Ergebnisse sind sie der Meinung, dass es sich auch für die Schweiz lohnen würde, entsprechende Wege auszuloten.



Die meisten Menschen in der Schweiz haben den Klimawandel inzwischen als Problem anerkannt, so z.B. fast 80% der Schweizer und Schweizerinnen in einer Studie der ETHZ. Doch spätestens seit der Ablehnung des CO2-Gesetzes im Juni 2021 ist klar, dass Lösungswege zur Begrenzung des Klimawandels nur dann mehrheitsfähig sind, wenn sie die Menschen auch von ihrem Mehrwert für Mensch und Klima überzeugen können.


Ein solch möglicher Lösungsweg wird bereits seit einiger Zeit in wissenschaftlichen und wachstumskritischen gesellschaftlichen Kreisen diskutiert, nämlich die Reduktion der Erwerbsarbeitszeit (z.B. hier). Weniger zu Arbeiten würde bedeuten, dass wir weniger verdienen und damit weniger konsumieren, was dem Klima zu Gute käme. Denn dass mehr Arbeit und daher mehr Einkommen mit einem höheren CO2-Fussabdruck einhergehen, haben verschiedene Studien sowohl auf der individuellen, als auch auf der ökonomischen Ebene gezeigt.


Gleichzeitig können kürzere Erwerbsarbeitszeiten die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Privatleben erhöhen und damit Stress abbauen, Krankheit entgegenwirken und das allgemeine Wohlbefinden erhöhen. Island ist nur das jüngste Beispiel einer Reihe von Ländern in Europa, welche diese positiven Effekte erkannt haben und nun mit einer Reduktion der Wochenarbeitszeit experimentieren.


Wäre das Senken der Erwerbsarbeit auch für die Schweiz eine mögliche Strategie, um den Klimawandel zu bekämpfen? Und unter welchen Bedingungen führt eine solche überhaupt zu einem klimafreundlichen Lebensstil? Diesen Fragen sind wir – eine interdisziplinäre Forschungsgruppe des Zentrums für Entwicklung und Umwelt der Universität Bern – nachgegangen. Und ja, basierend auf unseren verschiedenen Forschungsergebnissen sind wir der Meinung, dass es sich auch für die Schweiz lohnt, entsprechende Wege auszuloten.


So zeigte unsere Befragung von Arbeitnehmenden: Teilzeitarbeitende haben aufgrund des tieferen Einkommens einen klimafreundlicheren Lebensstil, so zum Beispiel in Bezug auf zurückgelegte Wege mit dem Auto, Flugreisen, der Grösse des Wohnraums oder Ausgaben für Kleidung. Unsere Studie gab auch Aufschluss darüber, was sich verändert, wenn Menschen ihr Arbeitspensum reduzieren. Indikatoren des Wohlbefindens – vor allem die Lebenszufriedenheit kurzfristig, aber auch stressbedingte Burnout-Symptome kurz- und mittelfristig – verbesserten sich nach der Erwerbsarbeitszeitreduktion. Die Studie zeigte zudem, dass sich nach der Erwerbsarbeitszeitreduktion die Pendelzeit im Auto und die Ausgaben für Kleidung verringerten und das umweltfreundliche Verhalten erhöhte.


Aber, eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit alleine ist natürlich keine ausreichende Lösung für unsere aktuellen sozialen und ökologischen Herausforderungen. Ausserdem scheint es wichtig, wie man eine solche Verkürzung ausgestaltet. So plant beispielsweise Island die Reduktion der Erwerbsarbeitszeit mit vollem Lohnausgleich. Das heisst, die Isländerinnen und Isländer werden weniger arbeiten, aber immer noch gleich viel Geld zur Verfügung haben. Das Einkommen ist aber ein wichtiger Grund, warum mehr Arbeit überhaupt zu mehr CO2-Emissionen führt. Ob damit das Konsumverhalten der Isländerinnen und Isländer nach der Reduktion klimafreundlicher wird, ist also höchst ungewiss. Gleichzeitig wäre aber das Verkürzen der vorgeschriebenen Erwerbsarbeitszeit ohne jeglichen Ausgleich beim Einkommen gerade für Menschen in tiefen Lohnklassen aus gesellschaftlicher Sicht kaum gerecht. Eine entsprechende Lösung müsste solche Zielkonflikte also sorgfältig ausloten und durch eine gezielte Ausgestaltung und Begleitmassnahmen abfedern. In einem Working Paper haben wir eine erste Idee eines solchen Kompromisses vorgestellt. Diese sieht vor, dass eine Erwerbarbeitszeitreduktion mit einem abgestuften Lohnausgleich kombiniert werden sollte. Menschen, die sehr wenig verdienen, würden auch nach der Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit den vollen Lohn bekommen, Menschen mit mittleren Einkommen erhielten einen Teilausgleich, würden also weniger arbeiten und weniger verdienen, aber mehr verdienen, als wenn sie einfach ihre Arbeitszeit selbstständig reduzieren würden. Menschen mit hohen Einkommen würden hingegen keinen Lohnausgleich erhalten, ihr Einkommen würde also entsprechend der Arbeitszeitreduktion absinken.


Anders als in vielen anderen europäischen Ländern sind in der Schweiz Massnahmen zur Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit allerdings noch wenig populär. Wir befragten verschiedene Vertreter und Vertreterinnen von Arbeitnehmenden- und Arbeitgebendenseite, aus Politik, Verwaltung, Privatwirtschaft, sowie von gesellschaftlichen und ökologischen Interessensverbänden. Die Idee einer 35-Stunden Woche für die Schweiz fand bisher wenig Anklang, sei es mit oder ohne Lohnausgleich. Massnahmen, welche jedoch unterstützt wurden, sind zum Beispiel die Förderung von teilzeitaffinen Unternehmensstrukturen und die Flexibilisierung von Arbeitsbedingungen zugunsten von Arbeitnehmenden. Diese könnten den Weg zu einer kürzeren Gesamterwerbsarbeitszeit ebenen (mehr dazu kann hier nachgelesen werden).


Bis in der Schweiz jedoch eine kürzere Arbeitswoche für alle Realität wird, welche auch dem Klima nützt, benötigt es noch eine breitere gesellschaftliche Debatte. Bis dahin können wir von den Erfahrungen anderer Länder lernen und so eine für die Schweiz geeignete und mehrheitsfähige Lösung finden.


Die in diesem Beitrag beschriebene Forschung wurde von der Stiftung Mercator Schweiz gefördert. Kürzlich erschien ein zusammenfassender Beitrag, welcher hier gelesen werden kann. Die Studie zur Befragung der Arbeitnehmenden befindet sich aktuell im Reviewprozess einer wissenschaftlichen Zeitschrift.