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  • AutorenbildIon Karagounis

Weniger Wachstum: So kann die Wirtschaft trotzdem funktionieren


Header Rethink Now Serie von Ion Karagounis

Können wir unsere Umweltprobleme lösen, selbst wenn sich unsere Wirtschaft weiter wie bisher entwickelt und stetig wächst? Nein, denn unser Planet kann einen weiter steigenden Ressourcenverbrauch und die damit verbundenen Emissionen nicht verkraften (siehe auch Blogbeitrag «Wachsen und gleichzeitig weniger Ressourcen verbrauchen ist kaum möglich»). Dies führt zur Frage: Kann unsere Wirtschaft überhaupt ohne Wachstum funktionieren? Viele Ökonom:innen reagieren mit einem entrüsteten «Niemals» auf diese Frage – doch es gibt namhafte Stimmen aus dem Kreis der klassischen Ökonomie, die die Frage bejahen. Zu ihnen zählt der kürzlich verstorbene Wirtschaftswissenschafter Robert Solow, der 1987 den Nobelpreis für seine Forschungen zu ökonomischen Wachstumstheorien erhielt. In einem Interview in «Die Zeit» im Jahr 2020 sagte er: «Muss eine industrielle kapitalistische Volkswirtschaft wachsen, um überleben zu können? Ich habe diese oft gestellte Frage immer mit Nein beantwortet. Denn die Vorstellung, eine kapitalistische Volkswirtschaft träte erfolgreich auf der Stelle, läuft den Vorstellungen der Wirtschaftswissenschaften nicht zuwider. Wie jede andere Wirtschaft auch müsste sie natürlich mit einer Finanz- und Geldpolitik einhergehen, die stabilisierend einwirkt, und es könnte sich ein besonderes Bedürfnis nach der Förderung sozialer Mobilität abzeichnen. Aber im Grunde hängt nichts von der absoluten Grösse einer Volkswirtschaft ab.»


Alles dreht sich somit um die Frage, wie wir unsere Wirtschaft organisieren können, damit sie auch mit weniger oder gar keinem Wachstum ihre Leistungen erbringen kann. Eine erste Antwort darauf habe ich im Rethink-Blog «Von gutem und schlechtem Wachstum» gegeben: Sie soll hauptsächlich dort wachsen, wo die Umwelt keinen Schaden nimmt.


Zwei weitere Aspekte, respektive Fragen sind aber genauso wichtig. Erstens: Welche Tätigkeiten treiben das Wachstum hauptsächlich an? Liessen sie sich abschwächen ohne negative Folgen für unsere Wirtschaft? Und, zweitens: Welche wichtigen gesellschaftlichen Errungenschaften hängen heute vom Wachstum ab? Liessen sie sich derart umgestalten, dass sie ohne Wachstum weiterhin funktionsfähig wären?


Vor einigen Jahren hat das deutsche Umweltbundesamt in einer Studie die fünf wichtigsten Wachstumstreiber analysiert, die in der wachstumskritischen Literatur immer wieder erwähnt werden:  

  • Unternehmensziele- und verhalten (Wachstumsziele von Unternehmen, Konkurrenzverhalten zwischen Unternehmen, Wachstumserwartungen von Aktionär:innen) 

  • Positions- und Gewöhnungskonsum 

  • Anstieg der Produktivität von Arbeit und Kapital, Innovation, Digitalisierung 

  • Zugang zu natürlichen Ressourcen 

  • Geldsystem und Kreditwesen 


Das Umweltbundesamt kam dabei zum Schluss: Es ist plausibel, dass die ersten drei Punkte das Wachstum antreiben, selbst wenn sich das nicht in jedem Fall nach strengen wissenschaftlichen Kriterien belegen lässt. Der Zugang zu natürlichen Ressourcen hingegen wurde, zumindest in gut entwickelten Volkswirtschaften, nicht als wachstumstreibend eingeschätzt. Dasselbe trifft auf das Geldsystem und Kreditwesen zu. Dieses ist zwar notwendig, damit unsere Wirtschaft gut funktionieren (und wachsen) kann, es führe aber nicht per se zu Wachstum.


Was wären nun Ansätze, diesen Treibern den Wind aus den Segeln zu nehmen? Wenig sinnvoll erscheint es mir, Innovation und den Anstieg der Produktivität verhindern zu wollen. Aber man sollte versuchen, den Zuwachs an produzierten Gütern zu verhindern, der fast immer auf einen Anstieg der Produktivität folgt (siehe auch Blogbeitrag «Wachsen und gleichzeitig weniger Ressourcen verbrauchen, ist kaum möglich»). Als sinnvoller erachte ich es, auf Unternehmensziele und -verhalten sowie auf die Konsumentwicklung einzuwirken, auch hier mit dem Ziel, einen Mengenzuwachs an produzierten Gütern zu verhindern.


Bei den Unternehmen gibt es mehrere Möglichkeiten (ausführlich siehe Blogbeitrag «Wachstumsdruck in Unternehmen»):  

  • Unternehmen freiwillig: Neben Ertragszielen gleichgewichtete Umwelt- und Sozialziele definieren, Vergütungssysteme der Angestellten danach ausrichten, externe Umweltkosten in der Betriebsbuchhaltung mitberücksichtigen.  

  • Kredit vergebende Institutionen: Einhaltung gewisser ökologischer oder sozialer Kriterien einfordern (ESG-Kriterien) oder einen Risikozuschlag für potenziell umweltschädliche Geschäftsmodelle erheben.  

  • Gesetzgeber: Einführung von risikoabhängigen, gesetzlich festgelegten Eigenkapitalvorschriften. Je grösser das Risiko, das von einem Unternehmen für Klima und Biodiversität ausgeht, desto höher die minimale Eigenkapitalquote.  


Bei der Konsumentwicklung gibt es eine ganze Palette von Massnahmen, sie reichen von Appellen und Kampagnen, die zum massvollen Konsum aufrufen, über die Preise (Umweltabgaben) bis hin zu gesetzlichen Vorschriften. 


Ebenso analysierte das Umweltbundesamt die wichtigsten wachstumsabhängigen Bereiche. Als besonders relevant stufte es die Beschäftigung und die Sozialsysteme ein (vor allem Krankenversicherung und Altersvorsorge). Beide Bereiche sind gesellschaftlich zentral; es ist ein Kernziel jeder Volkswirtschaft, die Beschäftigung möglichst hochzuhalten sowie die Versicherungsleistungen langfristig erbringen zu können. Zumindest die Sozialversicherungen sind unter den heutigen Umständen – wir werden immer älter und investieren immer mehr in unser Gesundheitswesen – auf zusätzliche Mittel und somit auf Wachstum angewiesen. Zeitmodelle könnten hier eine Alternative sein: Als junger Mensch engagiere ich mich für das Gemeinwohl, beispielsweise im Rahmen eines Bürgerdienstes, und erhalte für die eingesetzte Zeit eine Zeitgutschrift. Als Gegenleistung erhalte ich später im Alter oder im Krankheitsfall eine kostenlose Pflegeleistung im gleichen zeitlichen Umfang.


Mein Fazit:


Erstens: Aus Umweltsicht lohnt es sich, nach Wegen zu suchen, wie die Wirtschaft auch mit weniger Wachstum funktionieren kann. Zweitens: Wir müssen unsere Sozialsysteme so umgestalten, dass sie auch ohne zusätzliche Mittel für immer mehr Menschen adäquate Leistungen erbringen können. 



Der nächste Blogbeitrag wird im März 2024 erscheinen. 




Lesetipp: Im Roman «Was wir hinterlassen» von Ion Karagounis streiten sich die Protagonisten über die Frage, ob man Wachstum überhaupt eingrenzen kann oder ob Wachstum einfach die natürlichste Sache der Welt ist.  


Alle bisherigen Blogbeiträge findest du hier!

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