Zebra-Start-Ups – eine neue Form von Unternehmertum

Alle kennen es: Das Silicon Valley. Es ist bekannt als Start-Up-Epizentrum, als die Quelle von Finanzierungen und IT-Kräften sowie als der Geburtsort von sogenannten Unicorns. Doch welche Bedeutung hat dieses Fabelwesen in der Welt der Start-Ups? Und welche Rolle spielt das Zebra Start-Up in der aktuellen Gegenbewegung?


Das Fabelwesen der Start-Up-Welt: das Unicorn

Der Begriff Unicorn ist seit 2015 im Start-Up-Jargon fest verankert. Offiziell gilt ein Start-Up dann als Unicorn, wenn es eine Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar hat. So fantasievoll wie das Unicorn ist, so magisch sollen auch die Ergebnisse sein: Blitzschnelles Wachstum, Beinahe-Monopole und ein rekordverdächtiger Börsengang mit hoher Rendite. Es handelt sich oftmals um Tech-Start- Ups und ihr Fokus ist klar: materiellen Gewinn zu machen.


Oh wie schön ein Unicorn zu sein ...

Doch mittlerweile ist auch bekannt: Das Silicon Valley hat ein Unicorn-Problem. Bei diesen Start-Ups steht das Angebot an zweiter Stelle; was ein Unicorn bietet, ist weniger wichtig als die Tatsache, dass es ein Unicorn ist. Dementsprechend werden 90 Prozent der Unicorns entweder den Geist aufgeben oder einfach scheitern. Für ein junges Unternehmen, welches darauf angewiesen ist, Kunden zu niedrigen Kosten zu akquirieren, führt selbst eine geringfügige Änderung der Kosten für die Kundenakquise zu einem Mangel an Rentabilität und macht das Unternehmen instabil. Zusätzlich ist für diese Unternehmen ein Rückgang des Aktienkurses eine Katastrophe. Mit dieser Einstellung können viele potenzielle Unicorns nicht lange überleben und das Silicon-Valley-Modell frisst sich mit einer künstlichen Aufblähung der Vermögen von Unternehmen selbst auf.


Den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit scheint dieses Modell ebenfalls nicht gerecht zu werden. Auch wenn niemand fordert, dass Start-Ups mit hohen Bewertungen aussterben, sollte es viel weniger von ihnen geben. Exponentielles Wachstum ist weder die beste noch die einzige Möglichkeit für Unternehmen zu funktionieren, und spätestens bei dieser Schlussfolgerung kommen nachhaltigere Geschäftsmodelle ins Spiel.


Die Gegenbewegung: das Zebra

Es gibt mittlerweile ein neuer Trend in der Start-Up-Kultur. Nebst den Unicorns mischen die Zebras das Spielfeld auf und gewinnen an Anerkennung und Relevanz. Die Zebras der Start-Up-Welt sind Jungunternehmen, welche in ihrem Unternehmenszweck und in ihrer Mission eine positive gesellschaftliche Wirkung haben und diese mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell verbinden. Diese Start-Ups decken einen sozialen Aspekt ab, aber auch die wirtschaftliche Nachhaltigkeit – deswegen ist das Zebra ihr Maskottchen: sowohl schwarz als auch weiss.


Oh wie viel schöner ein Zebra zu sein.

Der Fokus ihres Geschäfts ist klar: die gesellschaftliche Wirkung zu maximieren. Somit ist bei den Zebras eine Wachstumsskalierung über die Wirkung messbar. Zusätzlich soll das Wachstum regenerativ sein, so dass sich die Ressourcen erholen können und die Aktivität somit langfristig ausgeführt werden kann. Der Gewinn soll direkt in die Wirkung reinvestiert werden. Trotzdem müssen die Zebras nicht ganz von einem «growth-mindset» wegkommen, denn sie beweisen, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaft zusammenpassen und man Gewinn nicht nur materiell definieren kann. Hierfür braucht es weiterhin einen vorangetriebenen gesellschaftlichen Wandel bezüglich Werte, aber Crowd- und Impact-Investing sind Beweise dafür, dass sich hier was tut.


Das Zebra bewegt sich nicht allein, sondern in Herden. Genauso fungieren diese Jungunternehmen: in einer Gemeinschaft. Zum einen zeigt sich dies in der externen Wirkung, nämlich die positive gesellschaftliche Wirkung, es zeigt sich aber auch in der internen Organisation dieser Unternehmen. Stakeholder sollen ein Mitspracherecht haben und auch auf individueller Ebene sollen Faktoren wie die mentale Gesundheit von Mitarebeiter:Innen sehr wichtig sein. Ausserdem haben Zebra-Start-Ups eine andere Haltung gegenüber dem Wettbewerb. Man soll nebeneinander bestehen und kollaborativ durch Partnerschaften wachsen, zusammen in einem nachvollziehbaren Ökosystem. Die «the winner takes it all»-Einstellung hat im neuen Unternehmertum der Zebras keinen Platz.


Ein Vergleich der Ziele und Strategien von Unicrons und Zebras

Drei Schweizer Zebra-Start-Ups

Drei konkrete Beispiele von Zebra Start-Ups stellen wir hier vor. Weit weg vom Silicon Valley, sondern in der Schweiz haben wir drei nachhaltige Zebra-Start-Ups genauer unter die Lupe genommen und die verantwortlichen Personen zu ihrer Motivation und ihren Zielen befragt.


Choba Choba

Choba Choba ist die erste Schokoladenmarke der Schweiz, die den Kakaobauern direkt gehört. Im Alto Huayabamba-Tal im peruanischen Amazonas produzieren 40 Kakaobauernfamilien auf mehr als 120 Hektaren Land Kakao, und zwar ausschliesslich mit der Methode der Agroforstwirtschft und im Einklang mit der Natur. Choba Choba wurde 2015 von Christoph Inauen, Eric Garnier und den Kakaobauernfamilien aus dem Alto Huayabamba-Tal gegründet. Es ist ein soziales Unternehmen, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Schokoladenindustrie auf den Kopf zu stellen. Die Kakaobauernfamilien erhalten für ihren Rohstoff heute bereits zwei bis drei Mal mehr Geld als auf dem Weltmarkt üblich ist. Damit schafft Choba Choba als Unternehmen wahren Impact.


Die Idee entstand, als Christoph Inauen und Eric Garnier - schon vor der Gründung des Unternehmens – Kakao von den Kakaobauernfamilien im Alto Huayabamba Tal für andere Marken einkauften. Dabei fiel ihnen immer wieder auf, dass sich trotz dem Fairtradepreis nichts fundamental änderte bei den Kakaobauernfamilien. Deshalb gründeten sie gemeinsam mit den Kakaobauernfamilien Choba Choba,was in Quechua bedeut: Hilfst du mir, helfe ich dir.


Christoph, Eric und Kakaobauern in Peru

Wie haben mit Sebastian Gössler, Head of Growth gesprochen.


Was ist die Vision von Choba Choba?

Sebastian: «Unsere Vision ist, dass mehr Menschen unsere leckeren Schokoladen entdecken und kaufen, und dass wir in weitere Länder ausserhalb der Schweiz expandieren, um so noch mehr Kakaobauern in unserem Unternehmen aufnehmen und noch mehr Impact schaffen zu können.»


Wie definiert ihr Erfolg für euch?

Sebastian: «Unser grösster Erfolg ist es, wenn Menschen von unserer Philosophie und unseren Schokoladen überzeugt sind und wir so in Peru echte Wirkung erzielen können.»


Was macht ihr, um weiterhin als Zebra in der Welt der Start-Ups bestehen zu können?

Sebastian: «Um weiterhin zu bestehen und wahren Impact in Peru und bei den Kakaobauern zu schaffen, müssen wir expandieren. Je mehr Schokoladenliebhaber unsere Schokoladen kaufen, umso mehr Kakaobauern können Teil unseres Unternehmens werden und damit können wir wirklich etwas bewegen.»


Im nächsten halben Jahr möchte Choba Choba mit ihren Schokoladen in die Nachbarländer der Schweiz expandieren und in Zukunft sich für den Schutz des Regenwaldes in Peru einsetzen.


Bern Unverpackt

Bern Unverpackt wurde im Jahr 2017 gegründet und ist einerseits ein nicht gewinnorientierter Verein, welcher einen Unverpackt-Laden in Bern betreibt. Andererseits versteht er sich als Plattform für regionale Produkte und als Teil eines Netzwerks von zukunftsgerichteten Initiativen. Und nicht zuletzt ist Bern Unverpackt ein Team von leidenschaftlich und ehrenamtlich engagierten Menschen.


Die Idee entstand aus der Motivation, eine Alternative zu schaffen zum konventionellen Konsum und auf die damit verbundenen Müllberge aufmerksam zu machen. Ausserdem wollten die Gründer:innen von Bern Unverpackt mit einer soziokratischen Organisationsform, ganz ohne Hierarchien, neue Wege der Zusammenarbeit erfahren.


Der Unverpackt-Laden in Bern

Wir haben mit Lukas Aeschlimann, Co-Founder von Bern Unverpackt gesprochen.


Was ist eure Vision?

Lukas: «Bern Unverpackt will eine echte Alternative zu konventionellen Einzelhandelsketten werden, die Konsument:innen und Produzent:innen näher zusammenbringen sowie die Wertschätzung für unsere täglichen Lebensmittel noch stärker fördern. Deshalb arbeiten wir daran, Bern Unverpackt zu einem Mitgliederladen zu entwickeln. Als Teil eines vielseitigen Netzwerks wollen wir gemeinsam Lösungen suchen und weitere Schritte in Richtung einer enkeltauglichen Gesellschaft mitgestalten.»


Wie definiert ihr Erfolg für euch?

Lukas: «Unser Erfolg, respektive die Wirkung, die Bern Unverpackt gemeinsam mit vielen anderen Organisationen und Initiativen erzielt, ist vielschichtig. Heute findet vermehrt ein öffentlicher Diskurs zu den Themen Zero Waste, nachhaltiger Konsum und Wertschätzung der Lebensmittel statt. Und natürlich sind wir stolz auf unseren einzigartigen Laden, unser leidenschaftlich engagiertes Team und die vollständige finanzielle Unabhängigkeit des Vereins.»


Was macht ihr, um weiterhin als Zebra in der Welt der Start Ups zu bestehen?

Lukas: «Als Zebra-Start-Up wollen wir unseren Werten und Idealen treu bleiben. Wir sind überzeugt, dass wir nur dann Wirkung erzielen können, wenn wir achtsam mit unserer Energie umgehen und unser Feuer am Brennen halten. So bleiben wir als Team und Unternehmen resilient, anpassungsfähig und sind bereit für weitere, sinnvolle Entwicklungsschritte.»


In Zukunft möchte Bern Unverpackt den Zusammenhalt und Spirit im Team erhalten und sich weiterhin mit viel Freude für seine Werte und Überzeugungen einsetzen. Zusätzlich sollen das Sortiment und die Öffnungszeiten sinnvoll erweitert werden und die finanzielle Stabilität und Unabhängigkeit gesichert werden, so dass Bern Unverpackt gemeinsam mit seinem Netzwerk weiterhin den erwünschten gesellschaftlichen Wandel vorantrieben können.



Fairpicture

Fairpicture ist eine Plattform für faire Fotografie und Videografie. NGOs, Firmen und Medien können Aufträge für visuelles Bildmaterial buchen und direkt mit lokalen Bildschaffenden abwickeln. Fairpicture ist nicht nur eine Plattform, sondern auch ein Netzwerk und eine Community für lokale Bildschaffende aus dem Globalen Süden. Es ist zudem ein Raum für Diskussionen über faire Fotografie, Repräsentation, Machtverhältnisse und die Zukunft von globaler Kommunikation. Fairpicture versteht sich als Zebra-Start-Up, das mit seinem Geschäftsmodell die Vorteile von digitalen Technologien und Skaleneffekten mit sozialem Unternehmertum verbinden will.


Die Idee hinter Fairpicture ist die Folge von Unzufriedenheit und Empörung über den Status quo: Entwicklungsorganisationen und Firmen beauftragen meist westliche Bildschaffende für Bildmaterial aus ihren Projekten im Globalen Süden. Sie reisen mit dem Flugzeug aus Europa oder den USA an und besuchen für ein paar Tage ein Projekt in einem Land, deren Sprache und Kultur sie kaum kennen.


210329_Fairtrade Deutschland Indonesia_Fairpicture_017 Aceh, Indonesien, April 2021: Die Mitglieder:innen des Vereins Pemuda Pemudi Suka Makmur ziehen im „Nursery“ Kaffee-Setzlinge auf. Sie müssen besonders am Anfang sorgfältig gehegt und gepflegt werden. ©Rosa Panggabean/Fairtrade Deutschland/Fairpicture

Wir haben mit Aurel Vogel, Mitgründer von Fairpicture gesprochen.


Was ist die Vision von Fairpicture?

Aurel: «Kreativität, umtriebige Geschäftigkeit und Gestaltungswille: Der Globale Süden ist mehr als Hunger, Armut und Abhängigkeit. Wir wollen die Wahrnehmung des Globalen Südens verändern. Bild um Bild – weil es Bilder sind, die unsere Sicht der Welt prägen. Zudem verfolgen wir als Teil der Zebra-Start-Up-Bewegung einen dritten Weg zwischen For-Profit und Non-Profit, der in der globalisierten und digitalisierten Welt einen nachhaltigen Impact hat.»


Wie definiert ihr Erfolg für euch?

Aurel: «Wir messen unseren Erfolg sowohl in einer Impact- als auch in einer Business- Dimension. Aus einer Impact-Perspektive sind wir erfolgreich, wenn das faire Bild zum Standard in der Bildbeschaffung und -nutzung wird. Dies beginnt im Kleinen mit der Selbstverständlichkeit, dass für jede fotografierte Person eine Einverständniserklärung vorliegt und geht bis zum Einbezug der Bildschaffenden und der fotografierten Menschen bei der Konzeption und Umsetzung von Kommunikationskampagnen.


Aus einer Business-Perspektive sind wir erfolgreich, wenn Fairpicture finanziell nachhaltig aufgestellt ist und als globaler Anbieter für faire Fotografie und Videografie etabliert ist. Fairpicture soll eine Breitenwirkung entfalten und es auch kleinen Firmen und Organisationen ermöglichen, mit ihrem visuellen Storytelling fair und authentisch aus ihren Projekten zu berichten.»


Was macht ihr um weiterhin als Zebra in der Welt der Start-Ups zu bestehen?

Aurel: «Jede strategische Entscheidung wird konsequent sowohl aus Business-Sicht als auch aus Impact-Sicht beurteilt. Businessplan und Theory of Change sind sich bei der Zieldefinition und Prioritätensetzung ebenbürtig. Wir werden von Investor:innen unterstützt, die sowohl eine finanzielle Rendite als auch eine Impact-Rendite erwarten und bereit sind, in Impact zu investieren.


Zudem sind wir kontinuierlich im Austausch mit Bildschaffenden, Kunden, anderen Zebras sowie zugewandten Personen und Organisationen, unter anderem als Absolvent des Social Impact Accelerators und Teil des Impact Hub-Netzwerks. Damit tragen wir zur Stärkung der gesamten Zebra-Bewegung bei.»


Die neue Generation von Zebras bringen mit ihrem Umdenken Social Enterpreneurship in die Start-Up-Savanne. Mit einem selbsttragenden Geschäftsmodell und einem positiven Einfluss auf unsere Gesellschaft sind sie für die Ewigkeit gebaut und haben eine klare Aufgabe. Der Weg für ein sozialeres und solidarischeres Wirtschaftssystem ist geebnet und der gesellschaftliche Wandel wird weiter vorangetrieben – dem Zebra-Movement sei Dank.


Es wurde im Rahmen dieses Artikels mit Florian Wieser von SENS Social Entrepreneurship gesprochen.
















Mehr zu SENS Social Entrepreneurship hier.