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Rethink Now Serie: Ressourcenbudgets



Mit Ressourcenbudgets innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaften


Kein Unternehmen – ob privat oder öffentlich – kann ohne Rohstoffe und Energie wirtschaften. Selbst Dienstleistungsbetriebe sind darauf angewiesen, wenn auch in geringerem Mass. Trotzdem tragen sie dem kaum Rechnung. Ein Unternehmen gibt sich ein Finanzbudget und ein Personalbudget. Beides darf nicht überschritten werden. Ein Ressourcenbudget hingegen finden wir selten. Natürlich finden die Ressourcen indirekt Eingang in die Planung, nämlich als Ausgabeposten. Wenn sich die Ressourcen verteuern, dann macht sich das bemerkbar in der Abrechnung und das Unternehmen reagiert: Es versucht, anderswo zu sparen, es nimmt eine tiefere Gewinnmarge in Kauf oder es erhöht den Preis. Grundsätzlich gehen wir jedoch davon aus, dass so viele Ressourcen auf dem Markt verfügbar und käuflich sind, wie wir für unsere Produktion brauchen. Aber ob es ökologisch vertretbar ist, eine gewisse Ressource zu nutzen und wie viel davon, darüber sagen die Finanzbudgets nichts aus.


Die meisten Ressourcen sind, trotz anderslautender Prognosen, bis heute nicht knapp geworden. Es mag zwar immer wieder Probleme mit der Verfügbarkeit geben, wie während der Coronakrise oder wegen der russischen Invasion in die Ukraine. Doch dank technologischen Fortschritten und dem Ausweichen auf Ersatzlösungen hat die Wirtschaft immer neue Wege gefunden, sich mit genügend Rohstoffen zu versorgen. Für die Umwelt ist das nicht zwingend eine gute Botschaft. Heute dringen wir in abgelegene Gegenden oder in die Tiefsee vor, und wir nutzen aufwändigere Verfahren, wie beispielsweise das Fracking zur Gasgewinnung. Das alles ruft potenziell grössere Schäden hervor. Die grösste Herausforderung im Umgang mit der Umwelt liegt heute bei den immensen Schäden, die wir mit der Gewinnung und Nutzung von Ressourcen anrichten.

Nicht umsonst spricht die Wissenschaft heute von den planetaren Grenzen – von der begrenzten Belastbarkeit und Regenerationsfähigkeit der Erde. Überschreiten wir diese dauerhaft, gefährden wir unsere Lebensgrundlagen. Zu den weltweit wichtigsten Bedrohungen zählen die Übernutzung der Süsswasservorräte, der übermässige Ausstoss von Treibhausgasen, die Versauerung der Ozeane oder die Abholzung von Wäldern und der Verlust von natürlichen Lebensräumen.

Die Forderung, weniger Ressourcen zu verbrauchen, ist deshalb sinnvoller denn je. Hier kommt die Idee der Ressourcenbudgets ins Spiel: Die Menge an Ressourcen, die ein Unternehmen, eine politische Einheit (eine Provinz, ein Land, global) oder ein Mensch nutzen darf, wird künstlich limitiert, obwohl noch mehr zur Verfügung stünde.

Die Idee mag einfach tönen, bei der Umsetzung stellen sich jedoch viele Fragen. Der WWF Schweiz versucht, sie mit einem Pilotprojekt zu klären. Die zwei wichtigsten Fragen sind:

  • Wie viel von einer bestimmten Ressource dürfen wir noch nutzen, respektive wie viele Schäden erträgt das System Erde noch? Während wir das bei den Treibhausemissionen ziemlich genau wissen (400 Gigatonnen CO2, um das 1.5-Grad-Ziel zu erreichen), ist es bei den meisten anderen Ressourcen wesentlich schwieriger. Verschiedene wissenschaftliche Initiativen versuchen zurzeit, das zu ermitteln. Mehr dazu in einem späteren Blogbeitrag.

  • Die Berechnung, wie hoch die zulässigen Mengen sind, ist nur der Anfang. Genauso wichtig ist die Frage, nach welchen Regeln wir die zur Verfügung stehenden Ressourcen sinnvoll und gerecht unter den Menschen, respektive unter den Marktteilnehmenden verteilen sollen. Erhalten alle gleich viel?A Oder lassen wir den Markt entscheiden (wer mehr bezahlt erhält mehr)? Oder erhalten diejenigen mehr, die schon immer mehr erhalten haben (Gewohnheitsrecht, Bestandsgarantie)?

Damit die Idee der Ressourcenbudgets funktionieren kann, sind zwei Elemente notwendig: Eine verbindliche Obergrenze und ein Mechanismus zur Zuteilung innerhalb dieser Grenzen. Beides muss politisch festgelegt werden. Es gibt bewährte Systeme, an denen wir uns orientieren können. So verlangt das Forstgesetz bereits seit 1876, dass jede gerodete Fläche andernorts aufgeforstet werden muss. International abgesprochene Fischfangquoten verhindern, dass gewisse Fischarten komplett verschwinden. Auch der CO2-Emissionshandel der EU und der Schweiz ist auf eine Obergrenze angewiesen, weshalb man von «cap and trade» spricht. Allerdings ist die Grenze noch nicht so tief, wie sie aus Klimaschutzgründen sein müsste.

Kontingentslösungen sind auch aus anderen Wirtschaftssektoren bekannt, insbesondere in der Landwirtschaft. Dort gibt es Obergrenzen für den Viehbesatz, um den Boden zu schonen. Die Einfuhr von Gemüse und Früchten kann saisonal limitiert werden, wenn unsere eigene Landwirtschaft genügend produziert. Und im Weinbau setzt man auf künstliche Mengenbeschränkungen, um die Qualität zu verbessern.

Nichtsdestotrotz: Die Idee von Ressourcenbudgets dürfte politisch einen schweren Stand haben – vorerst noch. Doch die weiter fortschreitende Zerstörung der Umwelt und politisch unerwünschte Abhängigkeiten, wie zurzeit von russischem Gas und Erdöl, werden die Akzeptanz mittelfristig steigern.

Mein Fazit: Erstens: Die wenigsten Ressourcen werden uns in absehbarer Zeit ausgehen. Das Problem liegt in den grossen Schäden, die ihre Gewinnung und Nutzung hervorrufen. Zweitens: Diese Schäden werden wir nur dann in den Griff kriegen, wenn wir für bestimmte Ressourcen absolute Nutzungs-Obergrenzen festlegen und Wege finden, uns an diese zu halten.


Im nächsten Blog wird es um die Frage gehen, wie stark wir uns auf technologische Lösungen verlassen können, um aus der Klima- und der Biodiversitätskrise zu finden. Er erscheint Anfang Mai.

 

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Resilienz, ein Modebegriff unter der Lupe